Autor Thema: Alte Feministinnen  (Gelesen 3870 mal)

TochterEgalias

  • Administrator
  • Beiträge: 75
Alte Feministinnen
« am: Oktober 01, 2012, 18:28:58 Nachmittag »
Neulich war ich bei einer Diskussionsveranstaltung, bei der es um Abbildungen von Frauen* in den Medien ging.

Eine Teilnehmerin warf in die Diskussion ein, dass bei diesem Thema Rollenbilder und Gender ein wichtiger Aspekt wären, worauf eine andere Teilnehmerin meinte, dass sie das Wort Gender nicht benutzen würde, weil sie dann als "alte Feministin" abgestempelt werden würde und vor allem jüngere Leute sie dann nicht mehr ernst nehmen würden.

Ich war davon ganz überrascht, denn für mich ist in solchen Zusammenhängen der Begriff Gender sehr geläufig und auch wichtig, um abgrenzen zu können wann man das biologische Geschlecht einer Person meint und wann die Geschlechertrolle, die die Person in der Gesellschaft einnimmt.

Zweitens habe ich mich gefragt, warum "alte Feministin" anscheinend unter jungen Leuten eine negative Bezeichnung ist.

Dann habe ich mich danach mit einer Freundin über die Veranstaltung unterhalten und es stellte sich heraus, dass sie, auch wenn sie sich für feministische Themen interessiert, auch gewisse Vorbehalte gegen "alte Feministinnen" hatte. Als ich sie genauer nach dem warum und wieso fragte, konnte sie mir aber keinen direkten Grund nennen.

Geht es euch vielleicht auch so, dass ihr nichts mit "alten Feministinnen" zu tun haben wollt oder Vorbehalte habt? Oder hat vielleicht jemand eine Erklärung dafür, warum da anscheinend Vorbehalte verbreitet sind?

Bin gespannt auf eure Antworten.

Frau_R

  • Beiträge: 4
Re: Alte Feministinnen
« Antwort #1 am: Juni 27, 2013, 10:52:16 Vormittag »
Der Post ist ja nun etwas älter, ich antworte mal trotzdem.

Vorbehalte gegen "alte Feministinnen" - was ich für Dich alt?

Ja, ich geb zu manchmal habe ich ein paar Vorbehalte. Wenn ich z. B. mit meine Mutter über gewisse Themen sprechen möchte, hängt sie schnell in ihren alten Vorstellungen fest. Wo hingegen ich denke, dass sich die Welt seitdem gewandelt hat und ihre Ansichten teilweise überholt sind. Auch kommt sie mit der Entwicklung der Medien nicht so ganz mit, was OK ist, muss sie ja nicht, nur stempelt man sie deswegen vielleicht etwas zu schnell als weltfremd ab.
Zudem, kein Witz, als ich anfing mich intensiver mit dem Thema Feminismus zu beschäftigen, fand ich viele Bilder, auf denen die "alten Feministinnen" sehr "männlich" dargestellt wurden. Das Bild bzw. das Vorurteil hielt sich bei mir leider sehr lange.

TochterEgalias

  • Administrator
  • Beiträge: 75
Re: Alte Feministinnen
« Antwort #2 am: Juni 28, 2013, 17:44:05 Nachmittag »

Vorbehalte gegen "alte Feministinnen" - was ich für Dich alt?

Das wäre auch ein Teil meiner Frage, was Menschen mit dem Begriff verbinden, wenn sie sich über "alte Feministinnen" äußern.
Ich persönlich kann mir denken, dass damit dann wahrscheinlich Feministinnen der 2. Welle bzw. aus den 70er Jahren gemeint sind, verbunden mit Klischeevorstellungen von Lila-Latzhosen und BH-Verbrennungen usw. Oder, auch sehr oft erlebt in letzter Zeit, eine Vorstellung von unrasierten, "hässlichen" Frauen, die dann auch gerne als "männerhassenden Emanzen" bezeichnet werden.
Diese werden dann oft als zu hart, taff oder auch, wie du erwähnst, zu "männlich" eingeordnet und damit als unweiblich abgestempelt, so nach dem Motto: Mit denen stimmt irgendetwas nicht, infolgedessen kann/sollte man sie auch nicht ernst nehmen.
 
Ist denn deine Mutter eine Feministin, bzw. bezeichnet sich als solche? Dann fände ich es sehr interessant, wie sie sich selbst sieht, vor allem in Bezug auf jüngere Feministinnen.
Und die Dinge, die du erwähnst, alte Vorstellungen, weltfremd, etc., beziehst du das vor allem auf "alte Feministinnen" oder eher allgemein auf ältere Menschen?


Frau_R

  • Beiträge: 4
Re: Alte Feministinnen
« Antwort #3 am: Juli 01, 2013, 12:56:33 Nachmittag »
Alter liegt ja immer im Auge des Betrachters. Für mich sind genau die Frauen, die du beschrieben hast die "alten Feministinnen". Ich finde es sehr schade, dass sich das Bild so bei mir festgesetzt hat.

Die Ziele, sind eigentlich die gleichen geblieben. Nur nehmen wir z. B. den Wunsch nach freier Sexualität. Frauen dürfen sich jetzt ausleben ... jeah ... aber Frauen lernen Striptease für ihre Männer ... what? Ich weiß nicht, ob man hier vielleicht wieder etwas anpassen sollte. Frauen sind wieder zu Objekten geworden.

Mit weltfremd meinte ich jetzt eher meine Ma. Ich denke schon, dass sie sich als emanzipierte Frau sieht (fragen ist derzeit schlecht). Sie hat nur den Sprung in die Moderne nicht geschafft. Neue Medien suggerieren uns, dass die Welt immer kleiner wird und Länder die vormals ganz weit weg erschienen sind plötzlich ganz nah. Manchmal so nah, dass man vergisst, das es dort eine andere Kultur gibt. Man kann das was wir heute hier in D haben (noch) nicht auf alle anderen Ländern übertragen. Fremde Gesellschaften haben ihren eigenen Status quo. Wenn man sich den Femen Protest ansieht wird es sehr deutlich. Hier regt sich eigentlich keiner mehr drüber auf, in anderen Ländern fühlen sich Frauen von den Femen bevormundet.  Verstehst Du was ich meine?

TochterEgalias

  • Administrator
  • Beiträge: 75
Re: Alte Feministinnen
« Antwort #4 am: Juli 04, 2013, 19:59:39 Nachmittag »
Alter liegt ja immer im Auge des Betrachters. Für mich sind genau die Frauen, die du beschrieben hast die "alten Feministinnen". Ich finde es sehr schade, dass sich das Bild so bei mir festgesetzt hat.

Verstehe. Was mich interessieren würde, warum dieses Bild so negativ besetzt ist. Ich meine, Lila-Latzhosen per se sind ja nichts schlimmes, waren vielleicht sogar mal modern. Und dieser Rasierwahn, dass Frau* nun gar keine Haare mehr am Körper haben darf, außer auf dem Kopf, der nervt mich schon ziemlich. Abgesehen davon, dass früher alle Frauen* in Deutschland unrasiert waren, nicht nur Feministinnen.

Eigentlich müssten doch "alte Feministinnen" total die Heldinnen sein, wenn man bedenkt, was die alles für uns erreicht und erkämpft haben.
Was ich mir denken könnte wäre, dass über die Geschichte der Frauenbewegung zu wenig bekannt ist und dass deswegen jüngere Menschen, die Errungenschaften aus der Vergangenheit gar nicht so zu würdigen wissen.
Allerdings erklärt es das für mich noch nicht ganz, denn die Ablehnung ist doch bei einigen Personen schon ziemlich stark.
Hast du da vielleicht eine Erklärung?

Die Ziele, sind eigentlich die gleichen geblieben. Nur nehmen wir z. B. den Wunsch nach freier Sexualität. Frauen dürfen sich jetzt ausleben ... jeah ... aber Frauen lernen Striptease für ihre Männer ... what? Ich weiß nicht, ob man hier vielleicht wieder etwas anpassen sollte. Frauen sind wieder zu Objekten geworden.

Ich denke auch, dass viele der Ziele von früher auch noch aktuell sind, bzw. noch nicht erreicht. Gerade was Sexualität angeht, da muss sich noch einiges tun. Ja, und du hast recht, teilweise geht es da leider sogar rückwärts statt vorwärts :(

Mit weltfremd meinte ich jetzt eher meine Ma. Ich denke schon, dass sie sich als emanzipierte Frau sieht (fragen ist derzeit schlecht). Sie hat nur den Sprung in die Moderne nicht geschafft. Neue Medien suggerieren uns, dass die Welt immer kleiner wird und Länder die vormals ganz weit weg erschienen sind plötzlich ganz nah. Manchmal so nah, dass man vergisst, das es dort eine andere Kultur gibt. Man kann das was wir heute hier in D haben (noch) nicht auf alle anderen Ländern übertragen. Fremde Gesellschaften haben ihren eigenen Status quo. Wenn man sich den Femen Protest ansieht wird es sehr deutlich. Hier regt sich eigentlich keiner mehr drüber auf, in anderen Ländern fühlen sich Frauen von den Femen bevormundet.  Verstehst Du was ich meine?

Obwohl die Femen auch in Deutschland ziemlich umstritten sind.
Aber es ist schon sehr grotesk, wenn man bendenkt, wieviel Aufhebens (auch bei uns) um nackte Frauen*brüste gemacht wird und wie wenig um nackte Männer*brüste ;) 
Da sieht man, was für einen weiten Weg wir noch vor uns haben.

ampel

  • Beiträge: 2
Re: Alte Feministinnen
« Antwort #5 am: August 19, 2013, 18:41:26 Nachmittag »
Ich glaube der wunde Punkt liegt genau da, an der Frage, warum diese Voruteile so negativ besetzt sind.
Natürlich hat man bestimmte Stereotype im Kopf - das Bild von der "alten männerhassenden Emanze", das bei sovielen aufploppt wenn das Wort Feministin fällt, macht es mir heute noch schwer, mich so zu bezeichnen. Dieses Bild ist SEHR präsent. Und wir alle haben bestimmte Bilder im Kopf -  die aber im besten Fall  veränderbar sind und gern überprüft werden sollten.

Der Punkt ist: Eigentlich sollte niemand weniger ernst genommen werden aufgrund dieser vermuteten Klischees. Es ist ja toll, dass "neue" FeministInnen vielleicht Harre wegasieren, keine Lila-Latzhosen tragen, sich nicht männlich assozieren/präsentieren usw. usf. - aber es ist genauso toll, wenn "alte" FeministInnen vielleicht Haare dranlassen, Lila-Latzhosen tragen oder sich gern männlich assoziierter Accessoires bedienen. Geht es nicht genau darum? Dass es eben nicht darauf ankommt, wie ich aussehe, sondern auf das, was ich sage - unabhängig davon ob ich Haare unter den Armen habe oder nicht, mir Klamotten aus der Männerabteilung kaufe oder nicht - ?
Das schlimme ist ja außerdem, dass mit diesen oberflächlichen Klischees inhaltliche einhergehen.  Und ich glaube da hast du schon Recht TochterEgalias, dass es durchaus an Information mangelt, was Frauenbewegungen angeht. Insbesondere dann, wenn ältere Bewegungen einen historischen Kontext brauchen - die Zeiten ändern sich, es entstehen neue, veränderte Forderungen, neue veränderte Probleme. Dass man nicht alles eins zu eins übenehmen kann ist klar. Das Poblem entsteht da, wo beiden Seiten der Kontext fehlt - neuere Generationen werden die älteren nicht verstehen und ältere die neueren nicht. Da braucht es einfach Kommunikation, finde ich.

Der Kontext fehlt also vielen, oder das Klischee ist überpräsent und selbst wenn es als Klischee entlarvt wird, ist es immernoch irgendwie negativ:
Zitat
Zudem, kein Witz, als ich anfing mich intensiver mit dem Thema Feminismus zu beschäftigen, fand ich viele Bilder, auf denen die "alten Feministinnen" sehr "männlich" dargestellt wurden. Das Bild bzw. das Vorurteil hielt sich bei mir leider sehr lange.

@Frau_R -  Was ist denn schlimm daran, dass sich die "alten Feministinnen" so "männlich" darstellen? Doch eigentlich nix - kann sich doch jeder darstellen wie er mag, oder? :)